Nachrichten zu Biodiversität und nachhaltigem Immobilienmarkt

IRICE veröffentlicht kurze Beiträge, um die Integration von Biodiversität in Immobilienprojekte zu unterstützen: Herausforderungen, Instrumente und konkrete Lösungsansätze. Evidenzbasierte Rückmeldungen aus der Praxis tragen dazu bei, Biodiversität zu einem Vorteil und nicht zu einer Einschränkung zu machen.
Bäume in der Stadt: Messen statt annehmen

Bäume in der Stadt: Messen statt annehmen

Mittwoch, 23. April 2025

Die tatsächliche Wirksamkeit von Stadtbegrünung gegen den städtischen Wärmeinseleffekt: Was sagen wissenschaftliche Studien? Wie effektiv sind Bäume in Städten bei der Senkung der städtischen Temperaturen? Analyse wissenschaftlicher Daten und Schlüsselfaktoren für den Erfolg.

Stadtbegrünung: Zwischen Versprechen und Realität

Angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels rückt die Stadtbegrünung in vielen Projekten als naheliegende Antwort auf die Überhitzung städtischer Gebiete in den Vordergrund. Doch jenseits dieses Offensichtlichen bleibt eine entscheidende Frage bestehen: Wie effektiv sind Bäume bei der Kühlung städtischer Räume und der Schaffung von thermischem Komfort?

Im Gegensatz zu vereinfachenden Darstellungen, die das Pflanzen von Bäumen mit garantierten Umweltergebnissen gleichsetzen, bieten wissenschaftliche Studien eine differenziertere Sichtweise, die auf der Messung und Analyse lokaler Gegebenheiten basiert.

Drei bestimmende Faktoren: Klima, Stadtstruktur und Eigenschaften der Pflanzenarten

Die thermischen Effekte von Bäumen in Städten sind nicht automatisch. Ihre Fähigkeit, städtische Wärmeinseln zu mildern, hängt von drei voneinander abhängigen Parametern ab:

  • Lokales Klima: Durchschnittstemperatur, Luftfeuchtigkeit, Intensität der Sonneneinstrahlung
  • Stadtmorphologie: Gebäudedichte, Straßenausrichtung, Himmelsichtfaktor (Offenheit zum Himmel)
  • Baummerkmale: Laubart (laubabwerfend, immergrün), Blattdichte (LAI, LAD), Höhe, Kronenform

Diese Faktoren bestimmen gemeinsam die Effektivität der Beschattungs-, Verdunstungs- und Belüftungsmechanismen, die es den Pflanzen ermöglichen, die Temperaturen auf Fußgängerebene zu regulieren.

Was die wissenschaftliche Literatur zeigt: quantifizierte Ergebnisse

Eine kürzlich in Communications Earth & Environment veröffentlichte Metaanalyse (Li et al., 2024) fasst die Ergebnisse von 182 Studien aus 110 Städten und 17 Klimazonen zusammen. Diese Übersichtsarbeit bietet den bisher besten Einblick in die realen Bedingungen für die thermische Effizienz urbaner Vegetation.

Gemessene Temperaturreduktion (ΔTair):

KlimaStadtformΔTair maxΔTair minΔTair Mittelwert
TropischOffen (LCZ 4-6)-4,36 °C-0,21 °C-2,57 °C
TrockenOffen (LCZ 4-6)-2,83 °C-0,52 °C-2,14 °C
GemäßigtOffen (LCZ 4-6)-2,07 °C-0,04 °C-1,33 °C
KontinentalOffen (LCZ 4-6)-2,91 °C+0,14 °C-1,55 °C

Hinweis: In dicht bebauten Stadtgebieten (LCZ 1-3) ist die Wirksamkeit geringer, und es besteht die Gefahr eines gegenteiligen Effekts in der Nacht (Wärmespeicherung).

Faktoren, die den Kühleffekt verstärken:

  • Mischbestände (laubabwerfend + immergrün) in gemäßigten, kontinentalen und tropischen Klimazonen
  • dichte und gut entwickelte Baumkronen (hoher LAI/LAD-Wert)
  • Installation in offenen Bereichen mit guter Luftzirkulation

Begrenzende Faktoren:

  • Schließung der Stomata (Verschluss der Blattporen) bei anhaltender Hitzewelle
  • junge Anpflanzungen (sehr begrenzte Wirksamkeit vor der Reife)
  • Überdichte Vegetation in kompakter Morphologie mit geringer nächtlicher Belüftung
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Verwechseln Sie Begrünung nicht mit Biodiversität und Anpflanzung nicht mit Klimaeffizienz

Die Wahl der Baumarten, ihre Pflanzdichte, ihre Anordnung und ihre Eignung für die klimatischen Bedingungen sind wesentliche technische Parameter. Die Annahme, Baumpflanzungen würden automatisch Biodiversität erzeugen oder eine universelle thermische Lösung darstellen, ist eine gefährliche Vereinfachung.

Biodiversität lässt sich, wie die Klimaleistung, nicht per Dekret anordnen: Sie muss konzipiert, gemessen und mit geeigneten Methoden bewertet werden.

Strategien bewerten, Ergebnisse zertifizieren: Die Rolle des unabhängigen Dritten

In diesem Zusammenhang ist eine unabhängige Evaluierung von Begrünungsstrategien unerlässlich, um über bloße Absichtserklärungen hinauszugehen und deren tatsächliche Wirksamkeit zu beurteilen. Leistungsindikatoren, Messmethoden (ΔTair, UTCI, PET) und die Kontextualisierung der Ergebnisse sind wichtige Instrumente, um Entscheidungen anzupassen und falsche Versprechungen zu vermeiden.

IRICE orientiert sich als unabhängige Zertifizierungsstelle bei seinen Maßnahmen an dieser Logik methodischer Anforderungen, um die Robustheit der Umweltkonzepte von Projektträgern, Projektentwicklern und Gemeinden zu gewährleisten.

Fazit: Methodisch vorgehen, nicht mit Parolen

Bäume sind ein wertvolles Instrument für Maßnahmen. Doch wie bei jedem Werkzeug hängt ihre Wirksamkeit von den Bedingungen ab, unter denen sie eingesetzt werden.

Anpflanzen allein ist kein Beweis. Messen, Anpassen, Zertifizieren: So entstehen glaubwürdige Strategien zur Bekämpfung der städtischen Wärmeinsel.

Referenzen

Li, H., Zhao, Y., Wang, C., Ürge-Vorsatz, D., Carmeliet, J., Bardhan, R. (2024). Die Kühlwirkung von Bäumen in Städten wird durch das Hintergrundklima, die Stadtmorphologie und die Baumeigenschaften bestimmt. Communications Earth & Environment, 5:754. DOI: https://doi.org/10.1038/s43247-024-01908-4

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